Gedanken zur Wahl in den USA

Einladung zur US Election Night

Einladung zur Wahlnacht von US-Botschaft, ZDF, Telekom und Co.
(Design vermutlich von 1998 recycelt)

Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch (nächste Woche) werde ich aller Voraussicht nach nicht viel schlafen. In den USA wird gewählt – und in Berlin gibt es Häppchen. Genauer gesagt darf ich zur ZDF-Sendung/Wahlparty in die Lobby-Zentrale der Telekom.

Schon 2008 hatte ich eine besondere Beziehung zum Wahlabend. Damals habe ich für die Hannoversche Allgemeine Zeitung eine Art Live-Ticker zur Wahl gemacht – mit ähnlich geringer Reichweite wie hier vermutlich. Es war jedenfalls ein aufregender Abend mit einer Menge Cola statt Schlaf (nicht nur in Hannover), und ich freue mich auch dieses Mal!

Anlässlich dieses Termins, über den hier natürlich auch ein Bericht folgen soll, folgt hier jetzt die „unkewl“-Wahlanalyse. Einerseits mit Bezug auf die Berichterstattung über die Wahl, Meta-Kommentare sozusagen, und andererseits zum Ereignis an sich. In bester Politologen-Tradition werde ich also erst auf Probleme „im bisherigen Diskurs“ hinweisen und dann munter selbst drauflos spekulieren. Los geht’s…

Medien & die Wahl

In einem Beitrag (via Bildblog) kritisiert anne in ihrem Blog annalist:

„Wer braucht denn einen ‚Ticker‘, der eine Debatte der Präsidentschaftskandidaten kommentiert? Wenn mich das interessiert, kann ich es mir selber angucken. Seit einer Weile wird uns simuliert, dass die Präsidentschaftswahlen so wichtig sind, als fänden sie hier statt.“

Ich denke, die Sache ist ganz einfach: Weil die Journalisten in Deutschland wissen, dass das Wahlergebnis irrelevant für uns ist und sich auch niemand über Inhalte eine Meinung bilden will, konzentrieren sie die Berichterstattung auf gute Unterhaltung. Das ist dann eine Menge „horse race journalism„, der einfach einen Eindruck von Spannung vermitteln soll. Dazu eine Prise Panorama: Klar finden in Deutschland alle Obama sympathischer, klar lachen alle gern über peinliche verbale Stolperer.

In den USA, wo man wegen der Relevanz des Ereignisses an sich mehr Diskurs über Inhalte erwarten sollte, ist der Drang zum Entertainment auch riesig. Außerdem sind Medien offener parteiisch als hier, sodass die (echten oder scheinbaren) Pannen des Gegners viel Raum beanspruchen.

Zum Bericht über den Verlauf des Rennens – so früh, so oft, so spannend wie möglich – gehören auch Umfragen und Vorhersagen. Dabei kommen tolle journalistische Projekte heraus, die in den USA eine höhere Reputation genießen als alles, was hierzulande im Netz passiert. Warum es z.B. kein deutsches RealClearPolitics gibt, will mir bis heute nicht in den Kopf.

(Jemand Interesse? Bewerbungen und Startkapital gerne per Mail klären.)

Karten zur Vorhersage: links RCP, rechts 538/NYT

Linke Karte von RealClearPolitics, rechte Karte vom FiveThirtyEight-Blog. Blau demokratisch, rot republikanisch, grau/hellblau nicht vorherzusagen.

Interessanterweise betont das eher republikanisch tendierende RealClearPolitics seit kurzem, dass Romney in den Gesamt-Umfragen vorne liegt und registriert eine ganze Reihe von Staaten als „toss-ups“ (sprich: haarscharf umstritten), während Wahlforscher Nate Silver für die eher linksliberale New York Times bloggt, dass der Amtsinhaber die Sache fast sicher packen wird. Laut ihm sind also die meisten der knapperen Rennen gar nicht mehr wirklich offen, sondern werden für Obama ausgehen.

Fazit zur Wahlnacht

Bei allen strittigen Punkten und der ganzen (künstlich?) erzeugten Spannung sollte man ein paar Punkte nicht vergessen.

  • der „popular vote“, also die durch eine Gesamt-Umfrage ermittelte Präferenz pro Kandidat, ist nicht wahlentscheidend
  • …sondern die letztliche Verteilung des Electoral College ist es
  • es ergibt also für Journalisten und interessierte Leser durchaus Sinn, sich auf die „Battlegrounds“ (wie Florida oder Ohio) zu konzentrieren
  • wenn man sich diese Punkte vor Augen führt, ist das Rennen wohl wirklich weniger knapp, als es Sportreportern lieb wäre…
  • (doch beim Vorhersage-Markt Intrade wird die Quote für Obama auf den letzten Metern schlechter und der Economist zweifelt am Vorsprung des Amtsinhabers)
  • meine Lieblingsbloggerin S. hat es mir schon vor Wochen erzählt: das Rennen könnte so knapp werden, dass wir uns auf Prozesse und erneute Auszählungen einstellen müssen
  • vielleicht (10% Chance laut FiveThirtyEight) gibt es also gar kein Ergebnis am Wahlabend!

2008 war ich mir sicher, dass der kommende Präsident vor lauter Krise sowieso kaum politischen Spielraum haben würde. Die Wahl hatte für mich primär symbolische Bedeutung als Signal für die Amerikaner und an die ganze Welt – sodass ich klar für Obama war. Vier Jahre später kann man wohl sagen, dass Krisen-Management in der Tat dominiert hat, während größere Projekte (wie health care) auf der Kippe stehen.

Dieses Jahr glaube ich, dass die Gewichte sich verschoben haben. Außenpolitisch hat sich gezeigt, dass Realpolitik parteilos ist: Der Friedenspreisträger freut sich, Osama bin Laden und lauter andere böse Terroristen getötet zu haben. Guantánamo Bay ist weiter in Betrieb.

Innenpolitisch aber sollte es in Zukunft wieder etwas mehr Spielraum geben, eigene Prioritäten zu setzen. Schließlich steht die wirklich harte Reduzierung oder eben steuerfinanzierte Sanierung des Haushalts noch aus. Meiner Ansicht nach wird es der Mehrheit der Amerikaner ökonomisch besser gehen, wenn die Demokraten an der Macht bleiben.

Wer aber nicht an politische Gestaltungsmacht glaubt, muss sich wieder auf Symbolik konzentrieren. Schöne Geschichten machen schließlich auch Sport erst so richtig interessant: In der blauen Ecke der entzauberte Hoffnungsträger, grau geworden doch immer noch beinahe unwiderstehlich. In der roten Ecke ein extrem reicher, extrem grinsender Investment-Profi, gleichzeitig Herausforderer und Establishment.

Nächste Woche werden wir es wissen.

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